Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

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nerdbeere
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Registriert: Mo 30. Mai 2022, 18:29

Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

Beitrag von nerdbeere »

Hallo zusammen.

Nachdem ich den "LCD-X 2021" Thread hier im Forum entdeckt habe entschied ich mich bei euch anzumelden, mich vorzustellen und meine Erfahrungen mit dem LCD-X zu teilen. Letztendlich und überrascht angestoßen wurde ich durch Jeo's Abschluss-Statement im genannten Thread bezüglich des fehlenden Druckausgleiches beim LCD-X.

Ich bin seit über 20 Jahren als Mastering Engineer tätig und habe damals mit 3 KollegInnen ein sogenanntes audiophiles und grundsätzlich analoges Mastering Studio auf die Beine gestellt.
Das System war Full Range und Linear ausgelegt, als Abhöre leistete nach einem PMC System zuletzt ein großes Lipinsky System seinen Dienst, welches über die Jahre stets weiterentwickelt und auf den Punkt gebracht wurde.
Angetrieben durch pure Class A Custom Endstufen. Die konnten auch als Herdplatten zum Suppe aufwärmen genutzt werden und im Winter blieb die Heizung aus. Stetige Modifikationen am System und dem Outboard.

Nun, nach den letzten 2 besonderen Jahren hat sich auch für uns vieles geändert und individuelle Entscheidungen sind gefallen.
Von nun an machen alle alleine weiter und meinerseits zog aus. So oder so, nach so langer Zeit kann auch mal das Preset resettet werden.

Aber hier kommt ein Kopfhörer als verlässliche "B"-Abhöre ins Spiel.
Die soundliche Abstimmung welche ich favorisiere und gewohnt bin ist Grundton-basiert, warm und euphonisch.
Ich mag überbetonte hohe Frequenzlagen überhaupt nicht und das muss auch nicht sein, wenn das System Zeit-genau und klar agiert.
Eine klare aber natürlich offene Abbildung der Transienten ist wichtig und eine holografische Darbietung der Bühne ist super
aber eben als kreisrunde Sphäre um einen Herum, hinten-Vorne-Rechts-links stehen in einem homogenen Zusammenhang.
Zu breit oder zu hell ist also nicht mein Ding.

Nun hatte ich lange schon einen Hörer für zu Hause und unterwegs, welche die gewohnte Darbietung überraschend gut lieferte. HD650 und später zusätzlich HD660s. Da scheint die Klang-Philosophie Sennheisers nahe der eigenen zu sein.
Neben zB. AKG 701/2 und BD 880/990, bei welchen mir die Ohren fast abgefallen sind bei der Hochtonüberpräsenz, war der HD650 in der Gesamtabstimmung der ausgewogene warme Kuss den ich gewohnt bin.
Sicher nicht das Auflösungswunder doch der nachfolgende 660s hat hier einige wichtige Aspekte, insbesondere auf der Zeitachse, nochmal richtig gestellt und ich erkannte meine Studio-Arbeiten nochmals genauer wieder und vice versa. Ich empfinde die Sennheiser gegenüber anderen dynamischen Hörern die ich bisher kenne besonders homogen und organisch abgestimmt.

Als Abhör-DAC und HP-Amp nutze jetzt den ADI-2 DAC FS. Ein sehr sachlich darbietendes teil. Ich war nie Fan von RME aber hier stimmt für mich einfach alles.
Die Aufnahmen/Master präsentieren sich hier so wie sie geschaffen wurden, es drängt sich keine Geräte-eigene Tendenz auf, das finde ich toll.
Ein Beispiel zum Vergleich; Der Mytek Brooklin hatt immer diesen überpotenten Tiefton, ganz gleich wie smooth das Material ist, dieser Bereich versprüht immer diese Testosteron Note :).
Der Kollege Chris Athens setzt aus diesem Grund insgesamt auf Myttek Wandlern bei seinen überwiegenden Hip-Hop Kunden.
Beim RME kommen die Dinge wie sie sind, das Gerät hält sich ästhetisch zurück. Das war auch für mich nach all den Jahren Benchmark, Lavry Gold und UA und DAD Wandlern auch erstmal ungewöhnlich, jedoch weis ich diese hyperneutrale Sachlichkeit aktuell sehr zu schätzen, zumindest im Abhörweg.
Besonders interessant für mich, die Möglichkeit direkt am DAC Entzerrungen vornehmen zu können, die wie ich finde sehr transparent arbeitet. Hut ab an RME für das Gesamtpaket.
Eine entsprechende Softwareinstanz auf Betriebssystemebene (VST-PlugIn) nach der geditherten Mastering-Kette gefällt mir in keinem Fall, probiert habe ich einiges. Die RME arbeitet für meine Gehör am transparentesten und konstruktivsten.

Nun habe ich, wie viele andere sicherlich auch, wochenlang, wenn nicht Monate investiert die aktuellen Begebenheiten in Sachen Kopfhörer zu verorten und es scheint, als würden Planare das Maß der Dinge darstellen und das der LCD-X DAS Teil für Ton-Schaffende ist. Neutral abgestimmt, volles Frequenzband, Schnell und Zeit-korrekt, kraftvoll und authorithär auch wenn das Musik-Material eng und dicht wird.
Ein aufschlussreicher und immer noch aktueller Thread im Gearspace Forum zum Thema: https://gearspace.com/board/mastering-f ... -room.html

Ich hatte den LCD-X nun einige Tage hier. Technisch betrachtet wurde auch sofort klar was gegenüber den Sennheisern noch so geht an Auflösungsvermögen, Transienten-Abbildung und die Darbietung der tiefsten und höchsten Frequenzen, die ausgewogene nicht zu breite Räumlichkeit, da war ich direkt sehr beeindruckt und glücklich darüber die treffliche Wahl.
Allerdings verblasste diese Euphorie schon nach der ersten Hörsession als mir die Ohren noch am nächsten Morgen klingelten.
Ich bin ausgesprochener leise-Hörer!
Mir wurde nach und nach klar, dass der LCD-X überschnell ist und bei dolleren Gangarten, welche das volle Spektrum bedienen, wie zB. bestimmte Drake Master oder artifiziellste Elektronika wie Autechre oder Aphex Twin die Darbietung nicht mehr erträglich ist. Dasselbe beim Querhören der eingenen gemasterten Referenzen. Auch bei angepasster Entzerrung bleibt das anstregende Verhalten bestehen. Das hatte ich nie auf dem großen System im Studio oder den Sennheisern erfahren, beides kommt mit jedem Genre klar und so sollte bzw. kann es eigentlich auch sein, auch lauter gehört für einen Moment.
Ich bin übrigens im Laufe der Mastering Jahre zu der Erkentnis gekommen, das Mastering und Musikhören bzw. Genißen nicht aufzutrennen sind.
Ein Adequates System macht beides möglich und das unabhängig des Genres.

Dann wurde mir klar, dass der LCD-X keinen ausreichenden Druckausgleich im Ohr zulässt und er somit nicht als echter offener Hörer bezeichnet werden kann.
Open Back ja aber eben nicht auf Ohrseite, da dichtet der mit seinen großflächigen und weichen Lederpolstern komplett ab. Also Membran-seitig schließt der hermetisch ab, daher wohl auch die vollständig geklebten Pads über die sich alle wundern. Das scheint so gewollt um die Abdichtung um das Ohr herum zu erreichen.
Was mir ab einem Zeitpunkt auffiel war folgendes; Wenn ich den LCD aufsetzte drückte er meine Trommelfelle nach innen und beim Absetzen sog er diese an. Gerade das Ansaugen empfand ich nach einiger Zeit als äußerst schmerzlich und ich habe nach knapp einer Woche immer noch im rechten Innenohr dieses leichte stechen, welches ich vorher nicht hatte. Als mir das so klar wurde, wanderte der LCD sofort zurück in die Verpackung und zum Absender.
Ich halte so einen Kopfhörer, insbesondere zum dauerhaften Arbeiten im Studio , für sehr ungesund und somit nicht zu empfehlen. Dieses Verhalten entfernt sich doch maximal von den natürlichen Hör-Vorgängen und ich finde das sollte nicht als offenes Kopfhörer-System beworben werden.


Nun geht die Suche weiter und ich werde die Tage in der City mal einen, ordentlich mit Kopfhörer bestückten, Hifi-Laden besuchen.

Also im Grunde suche ich einem technisch auf den Punkt gebrachten HD650/660s. Dynamik, Transienten, homogener Raum, warm und dennoch offen und in keinen der Punkte zu übertrieben.
Ob die Clear Serie wohl die Richtung ist, die sollen ja tatsächlich freiluft-offen sein? Ebenso ein HD800(s) dann mit stärkerem Crossfeed?
Wobei die vielerorts kommunizierten Tieftonverzerrungen des 800s eher abstoßen.


Abschließend ein paar Gedanken;
Mal Abgewandt der hararstreubend unterschiedlichsten Darbietungen hochwertiger Kopfhörern gewinne ich immer wieder den Eindruck, dass es ganz wie bei anderen Audio(philen) Geräten nie aufzuhören scheint "besser" zu werden.
Ich meine gerade das Thema der Schallwandlung sollte doch mittels der etablierten Verfahren langsam mal aus-definiert sein und ein natürliches und homogenes Verhalten bieten.
Im Studio hatten wir diesen Punkt ja auch erreicht und die Ergebnisse stehen in der Welt wie eine 1 und zwar für immer. Genau wie audiophile Perlen aus nahezu allen Jahrzenten der Tonaufnahme.
Wir hatten immer wieder Dinge wie Endstufen oder Wandler getestet und haben solche Anschaffungen irgendwann nicht mehr in Betracht gezogen und einfach nur noch die Technik gewartet bzw. modifiziert/ klanglich getuned.
Vieles überzeichnet einfach enorm an gewissen Stellen und entfernt sich, nicht nur bezüglich der tonalen Abstimmung, vom natürlichem Klangereignis und vermutlich empfinden es viele Kunden immer wieder als besser wenn etwas stark aus der gewohnheit Fällt und der Markt wird ewig blühend am Leben gehalten.


Schöne Grüße
Rico
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RunWithOne
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Re: Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

Beitrag von RunWithOne »

Hey Rico,
war spannend deinen Text zu lesen. Es ist schon spannend Eindrücke von der anderen "Seite" zu hören. Wir hier sind eben nur Konsumenten. Also Willkommen bei uns KH-Verrückten. :kh:
Den LCD-X durfte ich im Rahmen der Rundreise im Forum dankenswerter Weise testen. Ich teile deine Meinung hinsichtlich der Klang- und Gewichtsbeschreibung. Auch scheinen mir unsere klanglichen Präferenzen recht dicht beieinander zu liegen. Ich mag es auch ein wenig warm mit solidem Grundton. Überbetonungen in den oberen Mitten und Höhen sind auch nicht so meins. Gerade wenn die Pferde mal mit einem durchgehen und der Lauststärkeregler aufgedreht wird, geht insbesondere Letzteres für mich gar nicht.

:wink: Viel Spaß mit uns. :wink:
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krassi
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Re: Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

Beitrag von krassi »

Moin und es war ein Vergnügen deine Erfahrungen rund um deinen Beruf und den besprochenen LCD-X zu lesen ;)

Dieses Unterdruck Gefühl bei dem Kopfhörer wäre bei mir auch direkt ein Grund das ganze nach 5 Minuten ein zu packen und weg damit.
Ich suche auch nicht mehr eine Superlativen Steigerung nach dem Motto das bessere ist immer der Feind des guten was man hat.

Mit dem Ergebnis das ich 70-80ger Jahre Technik nur noch habe und exotisches "Zeug"

lG Daniel ;)
senifan
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Re: Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

Beitrag von senifan »

nerdbeere hat geschrieben: Di 31. Mai 2022, 16:54

Ich hatte den LCD-X nun einige Tage hier. Technisch betrachtet wurde auch sofort klar was gegenüber den Sennheisern noch so geht an Auflösungsvermögen, Transienten-Abbildung und die Darbietung der tiefsten und höchsten Frequenzen, die ausgewogene nicht zu breite Räumlichkeit, da war ich direkt sehr beeindruckt und glücklich darüber die treffliche Wahl.
Willkommen im Club! Sehr interessante Beobachtungen in deinem Post!

Diese klanglichen Eigenschaften ergeben sich ja erstmal aus dem Frequenzverlauf des Kopfhörers. Die meisten planaren haben ansteigende Mitten, d.h. sie betonen die Obertöne im Mittenbereich, bis sie im Hochton bei 4kHz oder so eine starke Senke haben. Dadurch betonen sie Details und Transienten, lassen aber Grundton/Körper vermissen. Für eine neutrale Wiedergabe sollte der Bereich zwischen 200hz und 1000Hz möglichst flach sein oder leicht absinken, aber auf keinen Fall ansteigen. Die meisten Planare sind somit überwiegend nicht optimal für neutrale Audiowiedergabe.

Das andere Problem bei Planaren ist die von Person zu Person variable akustische Kopplung ans Ohr, die sich durch die grosse Membran und die oft grossen Ohrmuscheln ergeben. D.h. es ist schwer den KH per EQ anzupassen weil man sich nicht so gut nach Messungen Richten kann und der Klang des KH variiert stärker von Person zu Person. Der HD650 wird hier deutlich konstanter sein.

Wenn du mit dem HD650 mehr Details und klarere Transienten willst dreh einfach etwas Hochton (und ggf Bass) per EQ rein. Alternativ probiere den HD600. Der RME ADI 2 FS/Pro hat auch dynamische Loudness, die man entsprechend otimieren kann.
Platte Ohrpolster machen den HD650 auch dunkler, sollte man berücksichtigen, falls der schon sehr alt ist.

Was ich dir sonst noch empfehlen kann ist der Beyer dt1990 (analytische pads) zusammen mit dem Hochton EQ Filter von diyaudioheaven.
https://diyaudioheaven.wordpress.com/passive-filters/
Das Ergebniss ist weniger Grundton/Mittenbetont als der HD650. Stärkere Betonung von Details und ausgeprägtere Bühne. Für meinen Geschmack hat man mit dem HD650 und diesem dt1990 zwei Kopfhörer, die beide sehr nah an neutral dran sind.

Anosnsten gibt es natürlich Sonarworks als EQ Software, womit man optimal bedient ist für neutrale Wiedergabe.
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Daiyama
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Re: Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

Beitrag von Daiyama »

Hallo Rico,
willkommen im Forum und gleich so ein Text-Brett. :mrgreen: :top:

Den Clear solltest Du wirklich mal versuchen, er wird ja öfters als Upgrade zum HD650 genannt; gibt es auch standesgerecht in der Pro Version. :D

Gerne lese ich weiter über Deine Suche nach dem KH für Dich.
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Firschi
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Re: Persönliche Vorstellung / LCD-X / Kopfhörer im Mastering Kontext

Beitrag von Firschi »

Hi Rico,

dem schließe ich mich gerne an. Ich kam noch gar nicht dazu, alles zu lesen :)

Der Clear ist definitiv eine Empfehlung wert, wie ich finde. viewtopic.php?t=304


Dominik
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